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Teufel oder Engel?

Das ist schon ein bisschen kurios: Colin reitet wie ein junger Gott und nimmt immer wieder an Turnieren teil, hat sein Prachtross aber in einem verfallenen Stall mitten im Wald untergestellt, auf dessen Weiden sonst nur ein paar zottige alte Ponys grasen. Warum?
Das fragt sich auch Ellie, und sie wird Colin noch darauf ansprechen. Der Stall gehört übrigens Maikes Großvater, der selbst nicht mehr in der Lage ist, sich um das baufällige Anwesen zu kümmern. Aber im Kopf ist der alte Mann noch hellwach. Deshalb haben wir ihn einfach mal gefragt, was er so von Colin hält und warum er ihm eine Box für Louis überlassen hat ...
 
Herr Sonnhof ... 
J. Sonnhof: Nennen sich mich Joseph.  
 
Gut. Joseph. Was ist mit Ihren Augen passiert?
J. Sonnhof (kichert): Blind. Seit über zehn Jahren. Grüner Star. Ich sehe nichts mehr. Nur noch hell und dunkel. An guten Tagen.
 
Das heißt, Sie haben auch Colin niemals richtig sehen können?
J. Sonnhof: Colin?
 
Colin Blackburn. Er hat doch seinen Hengst bei Ihnen im Stall untergestellt.
J. Sonnhof: Ach, der schwarze Teufel. Oder Engel. Wie man es nimmt. (kichert)
 
Wieso Teufel?
J. Sonnhof: Wenn er vor mir steht, wird alles noch schwärzer. Kein Licht mehr. (senkt die Stimme) Er bringt die Nacht mit.
 
Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Colin erinnern?
J. Sonnhof: Oh ja, das kann ich. Das kann ich gut. An vieles erinnere ich mich nicht mehr. Aber an diesen Abend – ja. Er bot mir Geld. Viel Geld. Er sagte, er bräuchte nur eine Box und Futter für seinen Hengst und seine Ruhe. Und einen Reitplatz zum Trainieren. Das hatte ich ja alles. Aber ich zögerte.
 
Warum?
J. Sonnhof: Ich wusste nicht, ob ich ihm trauen kann. Seine Augen. Ich spürte sie. Ich spürte sie ganz genau. Irgendetwas war mit ihnen ...
 
Aber Sie haben eingewilligt.
J. Sonnhof: (kichert wieder) Ich bin alt, schwach, ich sehe nichts mehr. Ich wollte keinen Ärger. Wer weiß, wozu diese jungen Männer heutzutage so fähig sind. Ich konnte fühlen, dass er stark war. Viel stärker als ich. Und na ja ... meine Rente ist knapp, wissen Sie ... ich bin sowieso nicht mehr da draußen. Der Stall verfällt. Alles verfällt.
 
Sie haben vorhin gesagt, er sei ein Teufel oder ein Engel – wie meinen Sie das?
J. Sonnhof: Soll ich Ihnen das wirklich erzählen? Na gut, in Ordnung. Eines Abends führte mich meine Enkelin Maike in den Stall. Ich wollte einfach nur ein bisschen im Hof sitzen, während sie auf einem meiner Ponys ausgeritten ist. Es ist so schön still dort draußen im Wald. Und dann kam dieser Herr Blackburn. (schweigt)
 
Und ...?
J. Sonnenhof: Wie soll ich das jemand erklären, der noch sehen kann? So etwas muss man hören. Das gleichmäßige Atmen seines Pferdes. Die weichen Tritte der Hufe auf dem Sand. Das ruhige Dirigieren der Zügel. Ich habe nie jemand anderen so reiten hören. Kein lautes Geräusch, keine knallende Gerte, keine Hiebe mit den Sporen. Es war eine Melodie. Musik! Das Pferd liebt ihn.  
 
Sind Sie Colin seitdem noch einmal begegnet?
 J. Sonnenhof: Nein. Nein, das bin ich nicht. Er wirft mir das Geld in den Briefkasten, immer pünktlich zum Monatsanfang im Voraus. Was will ich mehr? Nein, ich bleibe hier in meinem Zimmer. Die Zeiten da draußen im Wald sind vorbei. Und von Menschen wie diesem Colin hält man sich besser fern. Glauben Sie mir. Halten Sie sich fern. 

Kommentare

von Tanja geschrieben am 01.02.2010 20:18
Ich mag Herr Sonnenhof, und hoffe ihn irgendwann mal ein wenig näher kennenlernen zu dürfen.....
Blinde Menschen sehen mehr wie wir. Sie sehen mit dem Herzen und das Herz kann man nicht bestechen wie die Augen
Netter Artikel hat mir sehr gefallen

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Die Autorin: Bettina Belitz

  • Bettina Belitz wurde 1973 an einem sonnigen Spätsommertag in Heidelberg geboren. Schon als Kind fing sie damit an, eigene Geschichten zu schreiben. Nach ihrem Studium arbeitete Bettina Belitz zunächst als Freie Journalistin und Texterin. Heute lebt die begeisterte Italien-Urlauberin mit ihrem Sohn Mio, ihrem Lebensgefährten und drei sturköpfigen Katzen in einem 400-Seelen-Dorf im Westerwald.

Der Titel zum Blog

Bettina Belitz: Splitterherz Bettina Belitz:
Splitterherz
  • Ellie fühlt sich magisch zu Colin hingezogen. Doch der hat ein Geheimnis, das die Liebe der beiden unmöglich erscheinen lässt: Er braucht die Empfindungen anderer Wesen, um zu existieren … Pass auf deine Träume auf!

    Ab Januar 2010 im Handel.